Der zweite Auszug aus Ilans Puff-Erfahrungs-Buch

Auszug aus dem neuen Buch „Lieb und teuer: Was ich im Puff über das Leben gelernt habe“, Ilan Stephani

Ecowin-Verlag, erschienen am 12.Oktober 2017

MÄDCHEN WIE WIR

Ilan Stephani mit ihrem neuen Buch

Frank wartete auf mich. Die Hausdame Vera öffnete ihm die Tür, während ich noch neben Tim auf dem Bett saß und mir dessen Theorien über Kunst anhörte. Sie brachte ihm ein Glas Mineralwasser und vertröstete ihn, Paula käme in wenigen Minuten. Die Welt der Erotik hat sich Frank vielleicht prickelnder vorgestellt. Nun stopfe ich die Laken aus »Zimmer Tim« in die Waschmaschine, kämme meine Haare und frage Vera: »Kenne ich diesen Frank schon?« Frank kann nun wirklich jeder heißen. »Ja, er sagt, ihr kennt euch schon«, und ich, verspätet, eile in den Raum, um Frank zu begrüßen.

Wir kennen uns schon? Ich kann mich nicht an ihn erinnern. Ein junger Mann, der etwas blass und ratlos vor sich hin guckt und die Dauermusik aus der Buddha Bar wehrlos über sich ergehen lässt. Hoffentlich kennen wir uns von hier. Ich lächle rücksichtslos weiter, setze mich Frank gegenüber, ohne aufdringlich zu sein, entschuldige mich für die Zeit, die er warten musste, und er ist mir gar nicht böse, und ich knipse mein Wirbeln zwischen halben Sätzen, freier Dusche, Interesse und Gelächter an. So rausche ich an unserer Verlegenheit vorbei, und Frank lehnt sich in meine Energie und wird ruhiger: Alles ist leicht, und alles ist gut.

»Weißt du was«, sage ich, als sei es spontan und etwas, das ich zum ersten Mal so sage – als käme mir gerade jetzt eine gute Idee: »Lass uns das mit dem Geld doch jetzt schon erledigen, dann müssen wir später nicht dran denken.« Ein heikler Punkt in meinem Bühnenstück, ich taumle, aber Frank hält mich fest. Er nickt schnell, »Ja, klar!«, sagt er, jetzt nicken wir beide, dann haben wir später mehr Zeit für uns, was für eine gute Idee, und Frank greift in seine Jackentasche. Oh, ich kann so genau sehen, wie beschämt er jetzt ist, wie betreten, vorsichtig und scheu.

Frank hat das Geld natürlich zu Hause schon abgezählt, so muss er jetzt nicht hinschauen, wenn er es in meine Richtung schiebt. Frank bezahlt, jetzt taumelt er selbst, denn eigentlich will er gerade gar nicht derjenige sein, der für Sex zahlen muss und am Ende auch noch darüber nachdenken müsste, ob das etwas mit ihm zu tun habe. So verliert Frank ein Stück Boden, aber ich fange ihn auf, denn meine Bewegungen sind so unauffällig, wie ich das Geld nehme und zähle, ohne dass er es merkt, und er liebt mich dafür, was ich ihm jetzt alles erspare. Frank duscht, ich schließe sein Geld – mein Geld – in den Spind, der Rest wird einfach. Wir machen die Tür hinter uns zu, setzen uns aufs Bett, ich lege mich hin, Frank legt sich hin, er vertraut mir, und in meinem Körper taucht die Erinnerung an ihn auf, nicht an sein Gesicht, aber an seine Art, seine Energie, seine Stimmung, und ich entspanne mich.

Das Wiedersehen zwischen Paula und Frank ist unspektakulär, freundlich und langweilig. Ich bin wenig erregt und denke beim Sex an etwas anderes. Aber ich tue Frank gern den Gefallen, mich von hinten aufs Bett drücken zu lassen und lauter zu stöhnen, sodass Frank – zwei, drei Momente lang – sein Atmen vergisst, seine Zweifel vergisst und dass er es eigentlich problematisch findet, in den Puff zu gehen. Sein Ausbruch ist schnell vorbei. Nahtlos bin ich für ihn da, lächle drauflos, schon bevor ich mich wieder umdrehe. Dafür bin ich da.

Woher kann Paula das? Wie kann sie einen Mann als Freund begrüßen, obwohl sie sich nicht an ihn erinnert? Wie kann sie Geld an sich nehmen und dabei so tun, als täte sie es nicht? Wie kann sie einem wildfremden Mann seine Scham ersparen, ihm Ängste nehmen, von denen er selbst nichts weiß, und mit ihm so Sex haben, dass er sich selbstsicher fühlt statt verlegen, liebenswert statt schuldig, richtig statt falsch? Vielleicht hat Paula ein spezielles Talent oder ein bestimmtes Huren-Gen? Nein, hat sie nicht. Was ist es dann?

Ich selbst geriet in Sorge, als ich bemerkte, wie leichtfüßig ich in der Welt aus käuflichem Sex durch die Zimmer spazierte. Verdammt, was war da los? Was war bei mir so anders als bei anderen jungen Frauen? Ich misstraute mir selbst – gab es etwas in meiner Vergangenheit, das ich nicht wahrhaben wollte? Ich wusste es nicht, und ich hoffte, man würde mich nie danach fragen. Denn solange ich auf die Frage des Warum keine Antwort hatte, ahnte ich, dass man jederzeit im Fall Paula ein großes dunkles Geheimnis in meiner Kindheit wittern würde.

Schließlich verdächtigte ich mich selbst, mit dem Puff etwas zu kompensieren. Allein und ohne Antworten starrte ich in die Dunkelziffern, die es zu sexuellem Missbrauch gibt, und wusste: Eine dieser Frauen, die missbraucht worden waren und es nicht wahrhaben wollten, eines dieser unzähligen kleinen Mädchen, die man so früh traumatisiert hatte, dass sie sich an nichts erinnern können – einer dieser tragischen Fälle konnte auch ich sein, und es würde alles erklären, was sonst so unerklärlich schien. Wie kann Prostitution zu einem Heimspiel werden? Dann, wenn mein Körper und meine Seele längst zerstört worden waren. Oder?

Nach einem halben Jahr in diesem Dilemma besuchte mich Lea, meine Freundin aus Kindertagen, eine wohlerzogene, bildschöne Frau, die Architektur studierte und mit der ich die Zeit bis zur Konfirmation verbracht hatte. Bei unzähligen Kirchenbesuchen hatte ich neben ihr gesessen und mich auf dem Rückweg durch die Felder mit ihr über das Leben ausgetauscht. Dann war ich nach Berlin gegangen, und sie studierte in München.

Zwei Städte und zwei Welten. Schließlich, nach Monaten ohne Kontakt, nahm Lea die Berlinale zum Anlass, um mich zu besuchen. Gleich am ersten Abend verschanzten wir uns in einer Kreuzberger Kneipe und nahmen unsere Mädchengespräche über Gott und die Welt wieder auf. Und ich erzählte ihr von Paula, von meinem Sex in Berlin und vom Puff. Sie unterbrach ihre Handbewegung auf dem Weg zum Caipirinha und starrte mich regungslos an. »Was hast du gesagt?« Ich erwartete, dass sie mich das fragen würde, was ich mich selbst schon fragte: »Warum um alles in der Welt? Warum? Und warum du?«

Aber Lea sagte nichts. Dann lehnte sie sich zurück, strich über ihre Bluse und lachte vor sich hin. »Ilan …«, sagte sie. Und lachte noch mehr. »Was ist?« Ich wurde unruhig.

»Ilan«, sagte Lea, »so oft, so oft hab ich mir vorgestellt, als Prostituierte zu arbeiten! Du kannst es dir nicht vorstellen. So oft. Ich meine – ich kann alles, was man dafür braucht!«

Ich sah sie sprachlos an. Lea im Puff? Sie sprudelte weiter: »Sag mir, wenn ich falschliege, Ilan, aber ich kann – na ja, ich kann eben alles. Ich weiß, wie man Männer rumkriegt, und ich kann ihnen recht geben, egal was sie erzählen.« Mir fiel nichts anderes mehr ein, als sie weiterhin anzustarren.

Es wurde eine lange, leuchtende Nacht für uns beide. Wir saßen da und redeten und redeten. Lea war die erste Frau, der ich wirklich alles erzählte. Woran ich beim Sex dachte. Wo ich die Kondome kaufte. Und welche Kolleginnen ich bewunderte.

Zwei Wochen nach unserer abenteuerlichen Nacht in Kreuzberg schrieb mir Lea einen Brief, den sie an den Puff und an Paula adressiert hatte. Die Hausdame überreichte ihn mir, und ich riss ihn auf, begierig, mit pochendem Herzen. Leas Worte flogen mir entgegen.

Meine liebe, liebe Ilan, was für ein Wahnsinn, dass wir uns wiedergefunden haben! Ich danke dir so sehr, dass du mir von dir erzählt hast, von Paula … Es hat eine Grenze in mir durchbrochen. Ich hatte die Idee mit der Prostitution ja schon lange, ich glaube, seit ich Paulo Coelhos Elf Minuten gelesen habe. Ich konnte mich so unglaublich gut mit der Protagonistin identifizieren. Und jetzt weiß ich: Das ist möglich! Ich kann das machen! Mir steht nichts im Weg!

Ich wusste, ich will dem nachgehen. Ich dachte, ich kann das Spiel, das ich sowieso schon die ganze Zeit spiele, einfach perfektionieren, ins Extreme treiben und dann Geld damit verdienen. Ich hatte einfach das Gefühl, das ist es doch, was ich am besten kann. Menschen alles Mögliche glauben machen – je nachdem, wer mein Gegenüber ist, eben mitspielen. Nett sein, gefällig sein, flirten, mit den Reizen spielen, angenehm, interessiert spielen, immer passend reagieren. Und dann käme halt noch ein bisschen Sex dazu. Aber das würde ich schon hinkriegen.

Ich war also – jetzt pass auf – am Montag bei Hydra! Es gab eine Informationsveranstaltung, und ich habe mich länger mit einer Sozialarbeiterin von dort unterhalten.

Mein Herz schlug in meinen Ohren. Ich sah erschrocken auf, als hätte ich etwas Verbotenes getan. Dass Lea wegen mir im Puff arbeitete, das hatte ich nicht gewollt. Aber Lea schrieb weiter.

Ich habe bei Hydra alles gefragt, was ich über den Beruf wissen wollte. Es war ein ganz normales, unaufgeregtes Gespräch. Ich weiß nicht, was ich mir vorgestellt hatte, aber sicher nicht so etwas Unspektakuläres. Für die bei Hydra ist es eben einfach ein Job, den die Sexarbeiterinnen machen. Und wenn sie in dem Job Probleme haben, kümmert sich Hydra darum. Nach diesem Gespräch war ich ganz ruhig. Und habe gemerkt, dass ich Prostitution eigentlich gerade nicht möchte. Dass ich es vielleicht irgendwann mal ausprobieren werde, aber der Reiz des Verbotenen, der geheimen Unterwelt, der man dann angehören würde, war verflogen.

Ich atmete aus und ließ den Brief sinken. Etwas in mir wurde still. Durch Lea begriff ich endlich, warum mir die Arbeit im Puff so leichtfiel. Etwas, das entscheidende Etwas, wusste Lea besser als ich.

Die folgenden Tage im Puff beobachtete ich mich selbst und meine Begegnungen anders. Wie ich Klaus beruhigen konnte, indem ich erwähnte, dass ich »vor allem Studentin« bin. Wie ich Axel erregen konnte, indem ich mich zu der Wellnessmusik im Hintergrund an einer Poledance-Stange bewegte. Wie ich spürte, dass Michael vor allem wollte, dass ich keine Erektion von ihm erwarte. Und kaum hatte ich begonnen damit, all das zu beobachten, hörten meine Aha-Momente nicht mehr auf. Mir fiel wie Schuppen von den Augen, was ich übersehen hatte.

Lag das mit Paula und dem Puff an meiner Kindheit? Oh ja. Ich war tatsächlich eine Frau mit Vergangenheit. Aber in einem anderen Sinne als dem, den ich befürchtet hatte. Ich war nicht sexuell missbraucht worden, ich war keinem Vergehen zum Opfer gefallen, das wir als Verbrechen behandeln. Ich war einfach nur erzogen worden, ein »gutes Mädchen« zu sein. Und damit ich nicht missverstanden werde: Diese Erziehung meint nicht die Werte meiner Eltern, sondern die Werte der Gesellschaft, in der ich aufwuchs. »Ein gutes Mädchen« zu sein, das lernte ich bereits in der Grundschule. Das hübsche Kleid, zu dem die Mutter meiner Freundin anerkennend lächelte. Das lange Gedicht zur Weihnachtsfeier – wie schön ich das aufgesagt hatte. Nach der Grundschule lernte ich Latein statt Fußball, übersprang eine Klasse am Gymnasium und war mit 17 Jahren die Jahrgangsbeste im Abitur. Meine Lehrer waren stolz auf mich und feierten meine glorreichen Aussichten.

Zwar hatte mich niemand ermutigt, meinen eigenen Körper sexuell zu erforschen und kennenzulernen. Niemand hatte meine erste Menstruation mit mir gefeiert und mir vermittelt, wie schön es ist, eine Frau zu sein. Aber ich wusste, wie man sich verhält in Diskussionen, wie man Männern zuhört, wie man lächelt und sich passend kleidet zum Anlass. Ich wusste, wie man peinliche Momente überspielt und betretene Situationen durch weiblichen Charme erheitert. Wir Mädchen aus gutem Hause. Es war, wie Lea sagte: Dann kommt nur noch ein bisschen Sex dazu.

Als viele Jahre später in meinem Puffzimmer in Berlin ein Mann namens Frank bemerkt, dass er eine gebildete junge Frau vor sich hat, fragt er: »Warum bist du dann hier?« So viele Männer haben mich das gefragt und dabei ein Gesicht gemacht, als seien sie hier einer seltenen Erscheinung auf der Spur. Übrigens wurde unzähligen meiner Kolleginnen dieselbe Frage gestellt. »Du bist privilegiert, intelligent und begabt – was hat bei dir nicht funktioniert, wo du doch so viele Möglichkeiten gehabt hättest?«

Ich glaube nicht, dass jemals ich oder eine meiner Kolleginnen darauf eine richtige Antwort gegeben hat. Denn die Frage »Was macht eine wie du in der Prostitution?« sucht nach der Erklärung für etwas Besonderes. Und damit ist die Frage falsch. Meine Geschichte ist nur an der Oberfläche besonders – in Wahrheit ist sie völlig normal. Der Puff braucht keine besondere Erklärung, denn unsere gesamte Gesellschaft fördert ihn. Tausende hochbegabter, hochsensibler Mädchen lernen hierzulande, was mich als Paula so erfolgreich machte. Gefälligkeit, Taktgefühl, auf das Ego und das Selbstbild von Männern Rücksicht zu nehmen. Ist es verwunderlich, dass sich einige dieser begabten, intelligenten Mädchen erst als Hure wohlfühlen – wo sie endlich Geld dafür bekommen, so sehr »richtig« geworden zu sein? Und ist nicht noch verwunderlicher, dass nicht noch mehr Töchter aus gutem Hause in den Puff desertieren?

Heute kann ich keinen prinzipiellen Unterschied mehr sehen zwischen einer Hure und einer Nicht-Hure. Mir scheint, dass der Puff nur ein beliebiges Setting ist und dass Frauen hier wie dort kämpfen müssen gegen dieselben Botschaften darüber, was »weiblich« ist und was nicht.

Es ist ein Kampf mit dem unerfüllbaren Diktat, wie eine »richtige Frau« auszusehen hat, wie sie leben und denken und handeln muss. Wir sollen schön sein, aber bescheiden. Belesen und schweigsam, freundlich und aufregend, selbstbewusst, aber keineswegs unangenehm, wir sollen moderne Frauen sein mit tollen Karrieren, tollen Kindern und im Bett alles andere als müde. Ich konnte mir nicht helfen, aber nachdem ich Leas Brief gelesen hatte, drängten sich mir die ganz anderen Fragen auf. Wenn ich meine Kommilitoninnen sah, wie sie sich kleideten und wie sie studierten, wie sie Hausarbeiten verfassten und nickten und lächelten, wenn unser Privatdozent ihre Arbeit korrigierte, dann fragte ich mich: »Meine Güte, wenn die wüsste. Was macht eine wie die nicht im Puff?« Alle sozialen Formen, die ich als Hure brauchte, hatte ich bereits in der Schule gelernt.

Wir sagen, dumm fickt gut. Mag ja sein. Aber klug fickt besser.

Wenn wir über Sex gegen Geld reden, dann tun wir so, als bestünde ein himmelweiter Unterschied zwischen Paula und Lea. Paula, beschweren wir uns, sei ein Objekt männlicher Begierde und werde reduziert darauf, die Wünsche eines Mannes zu erfüllen. Paulas freier Wille, Paulas Stolz und Würde seien in Gefahr – hingegen Leas Leben sei der schöne, selbstbestimmte Ausdruck einer Frau, der alle Türen offenstehen.

Nein, diese Welt züchtet ihre Prostituierten nicht in Spelunken heran oder in Schattenwelten, sondern am helllichten Tag und unter der Woche, in den Werten und Schulen unserer Gesellschaft. Wir bilden für die Besatzung der Puffs nicht auf der Straße aus, auf dem Strich, im Elend und im Suff, sondern ganz offiziell: in den Werten einer Leistungsgesellschaft, in einem Frauenbild, das sich aufreibt zwischen Sexgöttin und Mutter, und in einer Sexualität, die längst nicht mehr der Ekstase dient, sondern nur noch der Befriedung. Mit anderen Worten: Die Erziehung zu einer Tochter aus gutem Hause ist die Erziehung zur Hure – und das alles andere als zufällig. Prostitution entsteht nicht am Rande, sondern im Herzen unserer Gesellschaft.

Für Paula wurde in diesem Zirkus ein einziges Gesicht unvergesslich, das von Nathalie, in unserer engen Puffküche. Nathalie, die ihren Kopf zur Seite neigt, blinzelt und sagt: »Was ist unser Job hier, Paula? Eine halbe Stunde lang nicht zu sagen, was wir denken!«

Hier das Buch auf Amazon

Hier das Ebook für Kindle

Ram Teid

Ich informiere, unterhalte und verbinde Menschen. Ich bin Zeitungsmacher und Netzwerker. Das habe ich schon immer gerne getan, von der Schülerzeitung über die Tageszeitung hin zu meinen heutigen Newsletterprojekten und Websites. Durch meine Informationen finden Menschen Gleichgesinnte. Zusätzlich werden sie gut unterhalten, denn Humor ist mir wichtig.