So war die Xplore 2017 – Ein Erlebnisbericht von Chono & Tandana

„Any volunteers looking for pleasure? Preferably women!“ war die Einleitung einer charmanten und vor allem brüllend komischen Unterhaltungseinlage am Samstagabend in der Talkshow „Hinter den Xplore-Türen“. Die mutigen Damen aus dem Publikum hatten die Aufgabe, sich an ein Lesepult zu setzten und aus dem Kleinen Prinzen vorzulesen, während sie von der sich unter dem Tisch befindlichen Moderatorin mit dem berüchtigten Magic Wand Hochleistungsvibrator „abgelenkt“ wurden. Das Ergebnis war ein filmreifer Singsang, unterbrochen von Stottern und Schnappatmung und interessanten Körperzuckungen, bei denen zeitweilig die Augen nach hinten rollten und die Stirn auf dem zu lesenden Buch aufschlug. Aber auch ansonsten war der Abend höchst amüsant, informativ und natürlich voller Charme.

chonoCharme war nämlich das Motte der diesjährigen Xplore, was aber der ihr angestammten xzessiven Xperimentierfreude und Xpressivität keinen Abbruch tat. Als Tandana und ich bei unserer nunmehr dritten Xplore am Freitagmorgen aufschlugen, waren wir voller Enthusiasmus und Tatendrang. Wir hatten uns so gründlich vorbereitet wie noch nie. Um uns gemeinsam einzutunen und nicht wieder dem walzenden Chaos widerstreitender Bedürfnisse unter die Räder zu kommen wie im letzten Jahr, hatten wir uns bereits ganz artig eine Woche vorher einen Plan gemacht, was wir wann erleben wollten und uns ein charmantes Würfelchen im nahegelegenen Qbe-Hotel Heizhaus gemietet, um uns die nervigen an- und abreisen zu ersparen. Doch angesichts eines Programms von täglich fünfundzwanzig Workshops, Symposien, Performances und Happenings die parallel in fünf Räumen stattfanden, hatten wir wieder den Fehler gemacht, die unentbehrlichen Integrationsphasen nicht mit einzuplanen – denn was Du auf der Xplore erforscht, bist am Ende immer Du selbst, und das kann wundervoll und abgefahren sein, aber auch sehr aufwühlend oder verstörend. Was man nicht gründlich verdaut kommt schließlich doch irgendwann wieder hoch.

Nach einem wunderbaren Einstieg mit „Expansion & Explosion“ in dem uns die charmante Angela Lamprianidou mit schönen Begegnungsübungen aus Tanz und Contact half, gründlich im Hier und Jetzt anzukommen, stellten wir uns gleich vorsorglich mal unserem „Lieblingsthema“:

„Anker“, angeleitet von Sarah-Aleihsa & Philipp, einem – natürlich ebenfalls sehr charmanten – Paar mit langjähriger Erfahrung im Feld der freien Liebe, sollte uns neue Bewusstheit schenken. Wie halten wir den „Paarkörper“ in den freien Gewässern am Korallenriff der Liebesfreuden? Die Antwort wird hier nicht verraten, aber wir werden sie gründlich in unsere Konzepte integrieren, denn es erwies sich als eine unserer besten Ideen, sich diesem Thema gleich am Anfang zu stellen.

Während Tandana dann leider nochmal zur Arbeit musste, ließ ich mich von Thomas & Yousef in die Kunst der „Sexy Selfies“ einweihen und tobte mich anschließend unter der Anleitung von Betty gründlich beim Bodypainting aus.

Zum Ausklang gönnten wir uns dann eine von Felix Ruckert’s surrealen und dabei so lebensnahen Darbietungen. „Onkel Felix“ – der seinen Neffen Ludwig auf die Bühne schleift, mit ihm und drei Strohballen eine Familienaufstellung macht, intime Familienbeziehungen tänzerisch und musikalisch dramatisiert, um zum Schluss dem Publikum selbst die Charme-losesten fragen offenherzig und schräg zu beantworten.

Gustavo Frigerio führte den italienischen Charme ins Feld und eröffnete in beeindruckender Klarheit unseren Samstag mit „Liquid Charme“. Es war ein fließender Erlebnisraum der empathischen und sinnlichen Begegnung mit wechselnden Partnern und später im großen Kreis. Für mich besitzt Gustavo ein wirklich außergewöhnliches Talent, den Raum trotz mindestens 60 Teilnehmenden spielend zu halten, ein wirklich guter Grund nächstes Jahr mal die Xplore in Rom zu besuchen (neben tausend anderen). Betty bescherte uns daraufhin eine Soziale Skulptur aus Berührung und Stimme, was eine schöne Fortsetzung war, um der Welt der banalen, linearen Zeit schließlich vollends zu entrücken.

Während Zanicca Soledad’s „Schamanischer Orgie der Seelen“ gabelte Tandana sich einen äußerst charmant französisch sprechenden Belgier auf, mit dem ich sie eine Stunde später wild verknotet im „Massage-Space“ wiederfand. Es war auch höchste Zeit gewesen, der geplanten Struktur Lebewohl zu sagen und in den lebens- und liebeserforschenden Fluss der Xplore zu springen; wir waren mit Workshops mehr als gesättigt und widmeten uns den Rest des Tages dem ausüben der fleischlichen Künste.

Die Eingangs erwähnte, abendliche Talkshow war schlussendlich hierfür der perfekte Kommentar. Mit den neu gewonnen Liebschaften verbrachten wir dann auch noch einen fröhlichen Abend in der gemütlichen Hofkneipe der Alten Börse Marzahn, diesem urigen, eigenwilligen und natürlich charmanten Gelände, wo das ganze Spektakel alljährlich beheimatet ist.

Der Sonntag war dann nur noch voller Überraschungen. Nach zwei so intensiven Tagen, gepaart mit Nächten voller Prozess-Integrations-Albträume, lagen an diesem morgen die Nerven blank und wir opferten den Morgenworkshop unserer längst überfälligen Beziehungspflege. Seelisch und im Herzen wieder aufgetankt konnte also das nächste Abenteuer beginnen.

Wir hatten erwartet, dass „So eine Schlampe“ von Rosie Enorah Heart & Seani Love sich in irgendwie konzeptioneller, meditativer oder sonstwie „anständiger“ Weise mit sexuellen Archetypen befassen würde, doch zu meiner großen Freude entpuppte es sich als die inszenierte Massenorgie, auf die ich schon sehnlichst gewartet hatte. „Verbinde Dich ganz mit Deiner inneren Schlampe (die weibliche Form schließt die Männer mit ein) dem heiligen Wesen in Dir, dass seine Sexualität vorbehaltlos umarmt, und lass sie frei.“ Es ging heiß her, zuerst auf sexueller Ebene, später im Anschluss auch beziehungsmäßig, so dass wir wieder einen Workshop von unserer Liste streichen durften, um uns Zeit für uns und unsere Liebe zu nehmen.

Blieb an diesem Tag – abgesehen von der Abschluss-Playparty – nur noch unser „Interview“. Also, äh, Interview? Nochmal zurück…

Eine Besonderheit der diesjährigen Xplore war die Tatsache, dass es eine Filmcrew gab, deren Aufgabe es war Material zu sammeln für ein Xplore-Documentary – einem Dokumentarfilm der besonderen Art, der es hoffentlich auch in die Kinos schaffen soll. Alle waren gut informiert, es war immer ganz klar gekennzeichnet, in welchem Workshopraum das Filmteam anwesend sein würde, es gab vor jedem dieser Workshops einen klaren Hinweis dazu und jede/r Teilnehmende musste auch unterschreiben, dass er/sie damit einverstanden ist.

Nun gab es parallel noch einen kleinen Film-Crew-Raum, ein Flipchart davor mit Zeit-Slots, wo sich jeder der wollte für ein Interview eintragen konnte. Naja, wir dachten jedenfalls, wir hätten „Interview“ gelesen, und wir haben leider auch gar nicht noch mal nachgeschaut, was dort wirklich stand… Jedenfalls hielten wir es für eine gute Gelegenheit, uns als Duo Wolfsmond in angemessenem Kontext zu präsentieren.

Als wir den Raum betraten und sagten, wir wären jetzt zum Interview da, schaute der charmante Film-Mann uns verwirrt an und deutete auf eine gut beleuchtete Filmkulisse bestehend aus einem roten Bett und einem schwarzen Hintergrund. Er sagte, „Wir machen eigentlich keine Interviews. Also, ihr könnt hier machen was wollt, was für euch hier passt. Manche haben sich beim Sex filmen lassen, manche haben Spanking oder Fesselspiele gemacht, masturbiert oder was auch immer. Wollt ihr was machen?“ – Was wir gemacht haben, das seht ihr dann hoffentlich bei der Filmpremiere dieses Dokumentarfilmes.

Wir hatten auf der Abschlussparty wie immer viel Spaß auf einem der legendären Schwelle-7-Podesten, obwohl wir auch gern richtig getanzt hätten, was leider nicht wirklich vorgesehen war. Die Dekoration der Räume und der Menschen war wie immer umwerfend, liebevoll, schräg, sexy und queer…

Es gab an diesem Wochenende noch zahlreiche Schmankerl, die in diesem Erlebnisbericht keine Erwähnung finden, weil ich nicht dabei war. Wir waren beispielsweise weder im Silent-Space, der uns letztes Jahr sehr gut gefallen hatte, noch im „Monster und Dämonen Rollenspiel-Raum“ oder dem Play-Space-Symposium, weil BDSM gar nicht so in unserem Focus liegt. Die geneigte Leserin sei hierfür auf die Xplore-Website verwiesen, wo alles noch im Detail nachgelesen werden kann.

Wir jedenfalls waren froh, dass wir zu später Nachtstunde nur 10 Minuten Fußweg zu unserem süßen Würfelchen hatten, wo wir beim morgendlichen Frühstück in Liegestühlen, völlig durchgerockt und glücklich, noch einen sonnigen Plausch mit anderen Teilnehmenden genießen konnten. Nächstes Jahr fahren wir nach Rom!

Charmante Grüße
Chono (& Tandana) euer Duo Wolfsmond

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